Die neue Willy – aus Heft 7/2016

nahlesEigentlich mag sie keine Homestories, wie die enttäuschte Klatschpresse zu berichten weiß, doch Andrea Nahles macht eine Ausnahme und empfängt in der Vulkaneifel auf ihrem Bauern hof. Die Hoffnung der deutschen Sozialdemokratie steht knöcheltief in der Maissilage. Aus der Gärmasse steigt ein süß-säuerlicher Verwesungsduft auf. Und die Silage riecht auch nicht viel besser. »Das Aroma hier erinnert ein wenig ans Willy-Brandt-Haus«, sagt Nahles und lächelt zurückhaltend. Auch während sie über Fäulnisprozesse in organischer Materie und ehemaligen Volksparteien spricht, bleibt sie sachlich leise. Ihr Imagewandel fällt ins Auge.

Die schrille Dampfnudel der SPD, der linke Elefant im Agenda-Porzellanladen, die Claudia Roth in Rot gehören der Vergangenheit an. Die Nahles der Gegenwart ist kontrolliert, aber sensibel, machtbewusst, aber mitfühlend. Viele sagen, würde Angela Merkel eines Tages als Mensch wiedergeboren, käme dabei Andrea Nahles heraus.

Außer Frage steht: Wenn Sigmar Gabriel demnächst dem Focus seinen Rücktritt bekanntgeben wird, kann es nur eine geben, die ihn beerbt. Ihre Zahlen sprechen ohnehin für sich: Laut Deutschlandtrend ist Andrea Nahles momentan die drittbeliebteste Politikerin und sogar erstbeliebteste Bundessozialministerin des Landes.

Das soll ihr der amtierende Parteivorsitzende erst einmal nachmachen. Nur mit Nahles, so schlau sind inzwischen die meisten Genossen, kann die SPD den Status als viertstärkste Kraft im Deutschen Bundestag mittelfristig behaupten. »Wir brauchen wieder eine Willy-Stimmung«, sagt Nahles, während sie im Schorgraben geduldig Kniefälle übt. »Und wir brauchen eine neue Ostpolitik.« Wie zur Bestätigung sprudelt aus einer Kuh östlich von ihr ein goldener Strahl. Sie hält ihre Hand unter den Naturbrunnen und sagt: »Kuhpisse.« – Nahles gehört zu den wenigen Politikern, die Dinge noch beim Namen nennen.

Die Elfe von der Eifel braucht diesen Kontrast zwischen Bundestag und Bauernhof: auf der einen Seite ein Ort, wo sie sich, umgeben von Schweinen, im Unrat suhlen kann, auf der anderen Seite ihr idyllischer Bauernhof. Das Gehöft hat sie von ihren Großeltern übernommen. Ihr Vater war Maurermeister, weswegen sie bei den Jusos gelegentlich Maurerblümchen genannt wurde. Für sie sei der Maurerberuf nie in Frage gekommen. »Meine Hände waren für das Handwerk einfach zu klobig.« In diesem Moment stößt die Kuh, die sie melkt, einen herzzerreißenden Hilferuf aus.

Vor kurzem ist Nahles 46 geworden. In dem Alter gehört man bei den Sozialdemokraten eigentlich noch zum jungen Gemüse und unternimmt zusammen mit dem Parteinachwuchs Austauschfahrten nach Leningrad oder Karl-Marx-Stadt. Nahles aber hat schon so viel erreicht, dass ihr von der Partei demnächst die Silberne Mentholzigarettenschachtel fürs Lebenswerk verliehen werden soll. Ihr Meisterstück hat sie mit ihrem erfolgreichen Gesetzentwurf zur Regelung der Leiharbeit vorgelegt. Ab dem kommenden Jahr dürfen Zeitarbeiter nur noch neun Monate am Stück ausgebeutet werden, bevor sie an den nächsten Ausbeuterbetrieb weitervermittelt werden. »Neun Monate gehen schneller rum, als man denkt«, weiß Nahles aus eigener Erfahrung. Vom Zeitpunkt ihrer Penetration bis zur Geburt der Tochter habe sie sich genauso lange durchbeißen müssen, ohne zu jammern. Also fast ohne.

Die kleine Ella Marie ist inzwischen fünf und watschelt munter durch den Kuhdung. In ihrem Doppelnamen vereinen sich die beiden großen Vorbilderinnen der Mutter: die Jungfrau Maria und die Frauenrechtlerin Ella von Sinnen. »Niemand hat mich mehr beeinflusst als diese beiden Persönlichkeiten«, bekennt die katholischfeministische Pfälzerin. Und dann platzt es plötzlich doch aus ihr heraus: »Tiiiina, wat kosten die Kondome?«, imitiert sie einen legendären von-Sinnen-Werbespott und lacht so laut, dass die Kühe um sie herum erschrocken zusammenfahren, ein Rind fällt in Ohnmacht und muss später vom Landarzt eingeschläfert werden. Da war sie kurz aufgeblitzt, die Krachmacherin von einst. Von den blauen Zitzen hat sie inzwischen abgelassen.

»Manchmal wünsche ich mir auch solche Dinger«, sagt sie und zeigt auf die Kuhhörner. Die passende Stirn dazu hätte sie. Vor parteiinternen Auseinandersetzungen hat sie sich nie gescheut. Bei der Wahl zum Generalsekretär 2005 – Nahles war noch ein halbes Kind – hatte sie sich gegen den Wunschkandidaten der Agenda-Apostel aufstellen lassen. Der damalige Parteivorsitzende Müntefering war daraufhin gekränkt zurückgetreten. »Wenn wir uns heute begegnen, wechselt er nur noch selten die Straßenseite.

Und ich glaube nicht, dass das nur am Grauen Star liegt. Manchmal winkt mir Münte sogar mit seinem Mittelfinger.« Vier Jahre später stürzte sie Generalsekretär Hubertus Heil. »Ich hätte mir damals auch eine Doppelsitze mit ihm vorstellen können«, sagt sie heute, »Heil/Nahles klingt doch phantastisch.« Nach einem kurzen Muahaha kriegt sie sich wieder ein und fängt an, über Visionen zu sprechen.

Nahles will den Arbeitsbegriff neu definieren. »Arbeiten 4.0« heißt ihre Zauberformel, die den starren und analogen Erwerbsbiografien endlich den Garaus machen soll. Sie wolle alte Zöpfe abschneiden, sagt sie und fährt sich durchs gewellte Kopffell. »Arbeit und Beruf müssen voneinander getrennt werden – Punkt eins. Punkt zwei – und darauf habe ich persönlich immer besonders großen Wert gelegt: Wohnung und Familie gilt es, strikt auseinanderzuhalten.« Zwei Ehen hat die alleinerziehende Singlefrau mit der positiven Ausstrahlung und den vielen Hobbys (SPD) bereits hinter sich. »Bis zur Bestmarke von Gerd fehlen mir nur noch drei.«

Mit dem Altkanzler verbindet sie eine Hassliebe. Sie liebt ihn, weil er die Partei ruiniert hat. Und sie liebt ihn noch mehr, weil er sie dadurch zur letzten Hoffnung machte, zur Stallbürschin, die Schröders Scheiß ausmisten darf. Wo der Hass herkommt, weiß sie auch nicht.

Mit dem linken Zinken ihrer Mistgabel kratzt sie den Slogan für die nächste Bundestagswahl in die Bodenkruste: »Andrea adden« ist das »Willy wählen« 2017. In Umfragen liegt die SPD aktuell bei unter 20 Prozent, Tendenz frei fallend. Das Ziel lautet: 4.0 plus. »Das dürfte reichen«, gluckst Nahles, während es um sie herum zustimmend muht. Deutschland ist reif für die erste Minderheitskanzlerin.

Florian Kech
Zeichnung: Frank Hoppmann

 

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