Auslese
Die größte Vakuumröhre - aus Heft 11/2018

vakuumklDurch eine weiße Flügeltür betritt der Sibirische Tiger die Halle, ein blinkendes Band um den Hals. Sein Fell sieht aus wie frisch geleckt. Begleitet wird er von seiner persönlichen Assistentin und einem Techniker. Langsam, sich des bedeutenden Moments bewusst, bewegt er sich auf seinen Samtpfoten auf die in der Mitte der Halle aufgestellte Kapsel zu. Seine Assistentin und der Techniker bleiben einige Meter davor an einem Computerterminal stehen. Als der Tiger die kurze Treppe hinaufsteigt, die in die kreisrunde Öffnung der Kapsel führt, kann man ihn lächeln sehen. Er dreht sich noch einmal um, winkt den Anwesenden zu und verschwindet im Inneren. Lautlos schließt sich die Tür. Warnleuchten blinken an den Wänden. Eine Computerstimme beginnt den Countdown. Die Zuschauer – ein paar Journalisten, ein Dutzend Sponsoren sowie weitere Mitarbeiter – starren gebannt auf die Tür. »… drei, zwei, eins.« Zwosch! Kurz vibriert die Kapsel noch, dann ist es totenstill. Ehrfürchtig öffnet der Techniker die Tür und betritt die Kapsel. Als er wieder er - scheint, schleift er einen blutigen Klumpen aus Fleisch und Fell hinter sich her über den Hallenboden. Einige können sich ein enttäuschtes »och, Menno« nicht verkneifen. – Der Traum, einen Tiger auf den Mond zu beamen, bleibt vorerst ein Traum.

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Wie ein Stern in einer Sommernacht – aus Heft 10/2018

dunjaZuhören kann die wie keine andere! Ihr Gegenüber kann noch so einen Quatsch erzählen (»Lügenpresse auf die Fresse!«, »Du Zecke müsstest mal wieder richtig durchgenommen werden« usw.), sie gibt ihm das wohlige Gefühl, sich auskotzen zu dürfen. Gegen Hayali, mit ihrem ausgezeichneten Gehör, war der legendäre Fernseh-Pfaffe Jürgen Fliege ein Leichtgewicht auf diesem Gebiet – außerdem ein Mann, außerdem heterosexuell, außerdem aus Radevormwald bei Köln und nicht aus dem Irak, außerdem um mehrere Kilometer pro Stunde langsamer unterm Haupthaar als Dunja Hayali! Heute ist Fliege Guru der reinen körperlichen Liebe ohne schmutziges Aufeinanderrumruckeln. Der fällt also vollständig aus.

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Pollo für Olaf – aus Heft 9/2018

scholzklIch erkannte ihn sofort, aus zwanzig Meter Entfernung, obwohl ich, wie stets, wenn ich esse, die Lesebrille aufhatte! Er kam, die Arme eng am Körper, in einem dunkelgrünen Poloshirt mit aufgenähter Tasche die Reinickendorfer im Wedding hoch, dort, wo sie von den Hochhäusern der Pharmakonzerne umstellt ist. Ich erkannte ihn am Gang: Er setzt die Füße pinguinesk nach außen, wie das viele Hamburger Jungs machen – eine erworbene genetische Mutation über viele Generationen von Seefahrern und Fischern, die sich auf schwankenden Planken halten müssen.

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Sammler am Swimmingpool – aus Heft 8/2018

maconklAls 1977 ein Kind im nordfranzösischen Amiens das Licht Frankreichs erblickt, trägt es noch keine Namen. Doch sofort sammelt es welche: Emmanuel, Jean-Michel, Frédéric, Macron. Das sind selbst für ein Franzosen-Baby mehr Bezeichnungen, als nötig wären. Und sie lassen bereits auf den Charakter des zukünftigen französischen Präsidenten Emmanuel Jean-Michel Frédéric Macron schließen. Ein Mann, der seitdem von dem Vorhaben getrieben ist, alles auf der Welt zu sammeln.

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Die, die das Licht riecht – aus Heft 7/2018

juliszehklDer warme Spätnachmittag war wie ein Heuhaufen voller Belanglosigkeiten. Juli Zeh zog die Haustür hinter sich zu und trat auf den schmalen Gehsteig, der vor ihrem Haus vorbeiführte. Sie wandte sich in Richtung Dorfzentrum. Sie atmete tief ein. Die Vögel zwitscherten. Irgendwo krähte ein Hund. Irgendwo bellte ein Hahn. Plötzlich war es, als sei sie eine Figur in einem Roman.

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