Liebe Leserin, lieber Leser,

wenn man zehn zufällig ausgewählten Passanten in einer beliebigen deutschen Fußgängerzone die Frage stellen würde, was ihnen spontan zum Thema »Aufbruch und Erneuerung« einfällt, dann hieße sicherlich mindestens neunmal die Antwort »Friedrich Merz«. Und weil der charismatische Jungpolitiker das natürlich auch weiß, hat er sich mit ebendiesem Slogan als Nachfolger von Angela Merkel für den CDU-Vorsitz in Stellung gebracht. Das dürfte aber nur der erste Schritt sein. Ich jedenfalls hoffe sehr, dass Merz anschließend auch Bundeskanzler wird, und ich freue mich jetzt schon auf das Kabinett, mit dem er unser Land in die Zukunft führen wird, prominent und kompetent besetzt mit Christian Wulff, Theodor zu Guttenberg, Roland Koch, Günther Oettinger, Annette Schavan, Jörg Schönbohm und Kurt Biedenkopf. Sowie, last but not least, als Inspiration in der Mitte des Kabinettstischs aufgestellt: Die exhumierte Leiche von Helmut Kohl. Make Deutschland great again!

Ich interessiere mich zwar nicht besonders für Fußball, aber die vielen Medienberichte über die prekäre Menschenrechtssituation beim FC Bayern München haben mich schließlich dazu bewogen, in dieser Angelegenheit selbst ein wenig zu recherchieren. Meine anfängliche Skepsis – unsere Medienlandschaft neigt ja bisweilen etwas zur Hysterie – erwies sich leider schnell als unbegründet: Was in diesem »Club« vor sich geht, ist, das muss ich so deutlich sagen, an Widerwärtigkeit kaum zu überbieten. Da werden Woche für Woche stramme junge Burschen bei Wind und Wetter in kurzen Hosen auf eine Wiese gescheucht, wo sie vor den Augen einschlägig vorbestrafter älterer Herren »vorspielen« müssen. Nach ein paar Jahren werden sie dann, verbraucht und traumatisiert, unter öffentlichen Beschimpfungen fortgejagt. Kaum einer von ihnen wendet sich jemals an die Polizei; es gilt das Gesetz des Schweigens, und die Angst vor Stigmatisierung tut ein Übriges. Wer legt den Perversen von der Säbener Straße endlich das Handwerk? Wo bleiben die UN-Inspekteure? Und wo kann man für die Opfer spenden? All das erfahren Sie auf Seite 29.

Vor ein paar Monaten haben wir hier einen neuen Mitarbeiter eingestellt, der uns allen bereits nach kurzer Zeit mächtig auf die Nerven zu gehen begann. Er ist nämlich, wie er uns ebenso stolz wie ungefragt berichtete, überzeugter Frugalist, das heißt, er versucht, so reduziert wie möglich zu leben. Kaum ein Tag verging, an dem er nicht damit prahlte, was er jetzt wieder eingespart hatte: Mal war es das Monatsticket für die Bahn (man kann genauso gut auch einfach laufen), mal das Bett (auf dem Boden zu schlafen ist ohnehin viel besser für den Rücken), und die Heizung hat er sowieso schon lange abgeklemmt – das spart zusätzlich auch noch Zeit, weil er sich im Winter nicht mehr die Jacke ausziehen muss, wenn er nach Hause kommt. Meistens verließ ich zusammen mit den anderen Kollegen möglichst schnell den Raum, wenn er mit dem Thema anfing, aber vor einer Woche wurde ich plötzlich hellhörig: Da zog er nämlich Bilanz und erklärte, dass er im Vergleich zum Vorjahr seine Lebenshaltungskosten auf ein Drittel gesenkt hätte. Woraufhin ich mich schnurstracks in die Personalabteilung begab und veranlasste, sein Gehalt in ebendiesem Verhältnis zu kürzen. Seitdem ist es angenehm still im Büro. Weitere Tipps für den korrekten Umgang mit Frugalisten gibt es auf Seite 32.

Mit dionysischen Grüßen

 

xxx
Chefredakteur 

 

 

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