Lebt eigentlich Friedrich Merz noch?

FritzJa, er lebt noch. Na ja, was man so »leben« nennt ... Einst schneidiger Anführer und Prinzregent der Unionsfraktion, der Gewerkschafter, Sozialstaatsverteidiger, Grundrechtsschützer und andere Standort-Gefährder mit einem scharfen Blick niederfunkelte, heute: »Brexit-Beauftragter für Nordrhein-Westfalen«, befristet bis 2019.

Es ist das erste politische Amt, das Merz nach seinem gescheiterten Konjunktur-Programm für Bierdeckelhersteller übernimmt. Zwischenzeitlich war er nur noch als Lobbyist und durchaus erfolgreicher Fantasy-Autor (»Mehr Kapitalismus wagen – Wege zu einer gerechteren Gesellschaft«) aufgefallen. Darüberhinaus pfllegte er sein altes Hobby: Merz ist passionierter Sammler von Aufsichtsratsposten, und neben Positionen in der »Deutsche Börse AG«, der »Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft«, der »Atlantik-Brücke« und anderen mildtätigen Vereinigungen fällt sein neuer Job kaum ins Gewicht.

Vielen ist Merz noch gut im Gedächtnis: Waren das noch Zeiten, als er kühn verkündete, 132 Euro Hartz IV seien ausreichend für die Existenzsicherung! Mit mehr Geld würden oft mehr Probleme geschaffen als gelöst, so eine Äußerung des Agenda 2010-Fans auf einer FDP-Klausurtagung von 2008. Merz weiß, wovon er spricht: Anders als das sorglose Prekariat musste er sich 2006 gegen lästige Neider erwehren, die seine stattlichen Nebeneinkünfte offenlegen wollten, die laut Gerüchten sämtliche Bierdeckel des Oktoberfestes in Anspruch genommen hätten.

Er prägte den Begriff »Leitkultur«, wollte Atomkraft verlängern und Sozialleistungen kürzen – ja, so manchen CDU-Anhängern läuft eine Freudenträne am Bein herunter, wenn sie sich an diesen konservativen Musterknaben erinnern, wegen dessen Fehlen man notgedrungen AfD wählen musste. Dementsprechend hoch sind jetzt die Erwartungen.

Ob Merz nun sein Comeback auf die politische Bühne vorbereitet, um gegen Merkel zu putschen? Gut denkbar, denn warum sonst sollte Merz dieses lächerliche Brexit-Ehrenamt übernehmen? Das wird nämlich nicht vergütet, was Merz-Kenner misstrauisch machen sollte.

Erik Wenk

 

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