nichts weniger

Als Lady Dianas zwanzigster Todestag nahte, übte die Süddeutsche Zeitung Medienkritik: »Wenn sich Daten runden in Königshäusern, schlägt die Stunde der Hofschranzen. Nichts weniger als die wahre Geschichte wollen sie dann kennen.« Gemeint war natürlich exakt das Gegenteil: dass die Hofschranzen nämlich so täten, als wären ihnen »nicht weniger« als die wahre Geschichte bekannt. Denn wenn sie so täten, als wäre ihnen »nichts weniger« als die wahre Geschichte bekannt, würden sie ja so tun, als gäbe es nichts, was ihnen weniger bekannt wäre als die wahre Geschichte.

Vor sechs Jahren hat der geschätzte Kollege Peter Köhler in der taz das zugrundeliegende Problem erörtert: »Was wollen die Leute sagen? Nichts weniger als das, was sie sagen. Nur haben die Leute im Medienzirkus anscheinend keine Zeit, über das, was sie reden und schreiben, nachzudenken; sonst würden sie vielleicht herauskriegen, dass ›nichts weniger als‹ die Kurzform ist von ›nichts es ist weniger als‹. Was nichts weniger als richtig ist, ist also am allerwenigsten richtig: Es ist völlig falsch.« Hat natürlich nichts genutzt. »Nichts weniger als revolutionär« findet Merian den nicht weniger als revolutionären Haneda-Airport in Tokio, im RBB verkündet der Naturwissenschaftler Ernst-Ulrich von Weizsäcker, wir brauchten »nichts weniger als eine neue Aufklärung«, obwohl er doch der Ansicht ist, dass wir nicht weniger als eine neue Aufklärung brauchten, der um die Stahlindustrie bangende Wirtschaftskapitän Hans Jürgen Kerkhoff dementiert in der Welt seine eigenen Worte, ohne es zu merken (»Es geht um nichts weniger als die Existenz der Branche«), der Bund der Deutschen Katholischen Jugend pfeift versehentlich auf die Grundordnung, für die er einzutreten glaubt (»Es geht um nichts weniger als unsere Grundordnung! «), der auf Reformen erpichte Katholik Christian Weisner fällt sich in einem Gastbeitrag für die Zeit selbst in den Rücken (»Gefragt ist nichts weniger als eine Weiterentwicklung der Theologie«), und der Bundesinnenminister Thomas de Maizière erklärt im Bundestag anlässlich der Lesung eines Gesetzentwurfs zur Neustrukturierung des BKA-Gesetzes: »Es geht um nichts weniger als um die Zukunft deutscher Polizeiarbeit.« Die ihm vollkommen gleichgültig wäre, wenn er gemeint hätte, was er gesagt hat.

Meilenweit danebengetappt hat auch das Hamburger Abendblatt in seinem Stolz darauf, dass die New York Times den »coolsten Kindergarten der Welt« im Hamburger Millerntor-Stadion entdeckt habe: »Für die ›New York Times‹ ist die Pestalozzi-Kita im Stadion des FC St. Pauli nichts weniger als ›der coolste Kindergarten der Welt‹.« Also der uncoolste der Welt.

Wahrlich, der von Karl May erfundene Indianer Wokadeh hatte recht: »Die Zunge des weißen Mannes ist gespalten wie die der Schlange.«

Gerhard Henschel

 

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