Integrationslots_innen

Da ich in mancher Hinsicht hinter dem Mond lebe, habe ich erst jetzt erfahren, dass es in vielen deutschen Gemeinden mindestens schon seit dem Jahr 2007 ehrenamtliche Integrationslotsen gibt, die Flüchtlingen bei Ämtergängen, beim Schriftverkehr und anderweitig behilflich sind. Endlich mal ein schönes neues Wort für etwas Gutes!

Weniger schön ist allerdings der geschlechterübergreifende Plural »Integrationslots_innen«, der sich auf so mancher Website tummelt (»Integrationslots_innen helfen Flüchtlingen und anderen ausländischen Mitbürger_innen dabei, sich in ihrer Stadt und im Behördendschungel zurechtzufinden «). Die feministische Sprachwissenschaftlerin Luise F. Pusch hat hingegen an dem Wort »Flüchtling« Anstoß genommen und in ihrem Blog »Laut & Luise« den Finger in die Wunde gelegt: »Rein sprachlich gesehen« sei dieses Wort nämlich »durchaus ein Problem, denn das Wort ›Flüchtling‹ ist – wie alle deutschen Wörter, die mit ›-ling‹ enden – ein Maskulinum, zu dem sich kein Femininum bilden lässt.

Bei ›Pfifferling‹, ›Jüngling‹, ›Engerling‹, ›Bratling‹, ›Schmetterling‹ und ›Fäustling‹ stört uns das nicht weiter, bei ›Wüstling‹, ›Lüstling‹ und ›Feigling‹ erst recht nicht, aber bei ›Liebling‹ wünschen wir uns schon manchmal was Weiblicheres, und bei ›Flüchtling‹, ›Lehrling‹, ›Täufling‹ und ›Säugling‹ wird es echt zum Problem. Diese maskulinen Bezeichnungen verdrängen Mädchen und Frauen aus unserem Bewusstsein; sie lassen in unseren Köpfen automatisch Bilder von Jungen oder Männern entstehen.«

Wenn Luise F. Pusch darin ein echtes Problem erblickt, sollte sie sich vielleicht einmal mit Flüchtlingen unterhalten, die echte Probleme haben. Und wieso stört es sie nicht, dass die deutsche Sprache keine feminine Form von »Wüstling « oder »Lüstling« oder »Feigling« bereithält? Weil weibliche Wüstlinge, Lüstlinge und Feiglinge in Luise F. Puschs Weltbild keinen Platz haben?

Dann dürfte es sie überraschen, dass es auch weibliche Rohlinge, Primitivlinge und Finsterlinge gibt.

Die Berliner »Palästina-Solidaritätsaktivist*innen« haben vor einiger Zeit den Plural »Flüchtling*innen« ausgetüftelt, doch den Flüchtlingen ist mit tüchtigen Integrationslotsen sicherlich besser gedient als mit lebensuntüchtigen Vokabeln aus dem antiimperialistischen Sprachlabor. Im übrigen irrt Luise F. Pusch, wenn sie annimmt, dass alle deutschen Wörter, die mit ›-ling‹ enden, maskulin seien. Wie nennt man das Geländer an Deck eines Schiffs? Richtig: die Reling. Und die ist nun wirklich (mit Nina Hagen zu sprechen) unbeschreiblich weiblich.

Gerhard Henschel

 

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