Kompromat

Im Zusammenhang mit den Gerüchten über die mögliche Erpressbarkeit des designierten US-Präsidenten Donald Trump durch den russischen Geheimdienst machte im Januar 2017 der Begriff »Kompromat« die Runde. Er steht für »kompromottierendes Material« und war zuvor hauptsächlich Gangstern, Agenten, Geheimpolizisten und Kriminalhistorikern geläufig gewesen.

»Russians even have a word for compromising material, kompromat, which is believed to derive from 1930s secret-police jargon«, heißt es in Diego Gambettas Studie »Codes of the Underworld. How Criminals Communicate« (Princeton 2009). Vier Jahrzehnte zuvor, im April 1969, hatte der Spiegel berichtet: »Photos und Tonbandaufzeichnungen von Bettszenen benutzen die tschechischen Geheimdienstler – wie alle östlichen Spionagezentralen – als Kompromate«.

In dieser Vokabel entsprechen Form und Inhalt einander perfekt. Kompromat: ein abscheuliches Wort für eine abscheuliche Sache. Es hätte auch der einfältige Name eines neuen Waschmittels sein können, die Bezeichnung eines Bestandteils von Kompressionspumpen oder der politologische Terminus für ein bestimmtes Kompromisslösungsverfahren in Koalitionsverhandlungen, doch am besten eignet es sich tatsächlic h als Fachausdruck für heimlich aufgenommene Sexvideos und andere Druckmittel in der Hand von Erpressern.

Anders verhält es sich mit dem ebenso hässlichen Wort »Dirigat«, womit die Orchesterleitung bzw. das Dirigieren gemeint ist, also eine prinzipiell menschheitsdienliche und dem Kunstschönen verpflichtete Aktivität. Es hat nie ein Anlass dazu bestanden, ihr einen so ungalanten Namen zu verleihen. Die älteste Fundstelle, die ich auftreiben konnte, stammt aus Hans Engels Monographie »Musik und Musikleben in Greifswalds Vergangenheit« (Greifswald 1929) – dort ist von dem »Dirigat opulenter Sinfoniekonzerte und großer Opern« die Rede. Und zwar just im Geburtsjahr Walter Kempowskis, der am 11. Oktober 1990 in sein Tagebuch eintrug: »Nachdem sich das Wort ›Akzeptanz‹ häuslich eingerichtet hat in unserer Sprache, nähert sich nun eine neue Schönheit: ›Dirigat‹. Bernstein dürfe künftig keine Dirigate mehr vornehmen, weil er angeschlagen sei und dies und das hat, steht in der Zeitung.« Drollig, dass das Wort damals schon mindestens so alt war wie sein Verächter, der vermutlich auch vom »Kompromat« herzlich wenig gehalten hätte.

Und weil die Frage so nahe liegt: Gibt oder gab es auch schon den ode r das Deprimat? Das Netz hält die Antwort bereit: »Deprimat was a Depressive Rock/Black Metal Band from New Zealand.«

Gerhard Henschel

 

---Anzeige---