Umvolkung

Nachdem die AfD-Chefin Frauke Petry erklärt hatte, man müsse »daran arbeiten«, dass der Begriff »völkisch « wieder »positiv besetzt ist«, legte die Leipziger CDU-Bundestagsabgeordnete Bettina Kudla eine Schippe drauf und warnte vor der »Umvolkung« durch Flüchtlinge aus aller Welt (»Deutschlands Umvolkung hat längst begonnen. Handlungsbedarf besteht!«).

In den Zwanzigerjahren des 20. Jahrhunderts, als in Deutschland das erste Mal von einer »Umvolkung« die Rede gewesen war, hatten die Nationalsozialisten sich des Begriffs bemächtigt und ihn ab 1939 für ihre Siedlungs- und Ausrottungspolitik reserviert. »Der Neue Brockhaus« von 1938 verzeichnete ihn noch nicht – da folgte auf den »Umtrunk« unmittelbar die »Umwälzung« –, aber 1941 fand er Eingang in den Duden, und 1947 wurde er wieder ausgeschieden. Doch bei Rechtsextremisten jeder Couleur blieb er natürlich beliebt.

Der Soziologe Robert Hepp, beispielsweise, verfasste 1984 den Aufsatz »Das deutsche Volk in der Todesspirale« und ermahnte als Ordinarius der Universität Osnabrück die »biologische Abstammungs- und Fortpflanzungsgemeinschaft « der Deutschen, sich gegen ihre »Umvolkung « durch Ausländer zur Wehr zu setzen, 1991 stand nach Ansicht der DVU eine »Umvolkung« durch »15 Millionen Zigeuner« bevor, und im Jahr darauf unkte Jörg Haiders FPÖ-Parteifreund Andreas Mölzer von der »drohenden Umvolkung der deutschen Volksund Kulturgemeinschaft« durch Zuwanderer aus dem Osten.

»Umvolkung« ist auch der Titel eines Buchs, in dem der Wüterich Akif Pirinçci gegen die, wie er sie nennt, »Flüchtilanten« zu Felde zieht. Beworben wird es mit den Worten: »Pirinçci ist der bisher letzte Autor, dessen Werk in Deutschland vollständig vernichtet werden sollte. Dank eines Netzwerks aus Verlagen, Internetportalen und mutigen Publizisten ist es dem Establishment nicht gelungen, dieses Exempel zu statuieren. ›Umvolkung‹, sein neues Buch, ist der Beweis dafür.«

Und es ist zugleich ein weiterer Beweis für die alte These, dass die brennende Liebe zum deutschen Volk stets mit der Bereitschaft zur Vergewaltigung der deutschen Sprache einhergeht. Der nächste, der vor der »Umvolkung« warnt, sollte gezwungen werden, tausendmal das dazugehörige Verb zu konjugieren: Ich umvolke, du umvolkst, er/sie/es umvolkt, wir umvolken, ihr umvolkt, sie umvolken. Und zwar durch alle Zeitformen, vom Plusquamperfekt (Ich hatte umgevolkt etc.) bis zum Futur II (Ich werde umgevolkt haben usw.), und dann wollen wir mal sehen, ob sich nicht doch ein gewisser Überdruss an dieser schaurigen Nazibürokratenvokabel einstellt.

 

Gerhard Henschel

 

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