Lebt eigentlich Tillich* noch?

TilAm 3. Oktober lebte er noch. Dann war Sense, was aber nicht weiter auffiel: Öffentlich tritt der Ministerpräsident des Freistaates Sachsen ohnehin nur einmal im Jahr auf, im Frack zum Semperopernball (seine Frau Veronika ist die Schirmherrin der Debütanten).

Scheu ist Tillich aber nicht; er hat eben eine schwere Zunge, formuliert noch hölzerner als seine Parteichefin und fürchtet, den Erwartungen, die die SED-Führung seit den Siebzigerjahren in seine Rhetorik setzt, nicht gerecht zu werden.

Seine sphinxhafte Absentierung vom öffentlichen Geschehen wird von den Dresdnern zuweilen belacht, was die Lügenpresse aufgreift (»Kann nich, will nich, Tillich«). Das ist uns zu billich! Denn im entscheidenden Moment ist er immer wieder aufgetaucht.

An besagtem 3.Oktober beispielsweise hat Tillich den Festakt der Regierung in der Semperoper zwar nicht mit einem Tänzchen, aber mit einer vielbeachteten, allerdings sehr kurzen Rede eröffnet. Sie lautete: »Wörter können Lunte legen.«

Mit »Lunte« ist nicht eine Haschischzigarette gemeint, sondern eine Zündschnur, die so langsam auf einen explosiven Gegenstand zuglimmt, dass man das Feuerchen noch beherzt austreten könnte – eine harte Metapher, eine scharfe Kampfansage gegen den Verbalextremismus rassistischer Sachsen. Allerdings sind diese längst über den Gebrauch von Wörtern hinausgewachsen: Sebnitz, Clausnitz, Heidenau, Freital – dort kamen sie fast ohne aus. Deshalb hat sich Tillich, der Mann des Wortes, da auch nie recht zuständig gefühlt. Jetzt ist die sächsische Polizei in die Kritik geraten und wieder wird gerufen, Tillich solle einen kräftigen Auftritt hinlegen. Seine Fürsorgepflicht für seine Polizisten, Justizbeamten, seinen Innenminister und seinen Justizminister ist ihm aber wichtiger als eine flotte Fensterrede. Sinngemäß sind es ihm auch die braven Bürger bei Pegida.

Nein, ein Luftikus ist Tillich nicht. Er weiß ja – Worte können Lunte legen.

Mathias Wedel

* Tillich hat auch einen Vornamen. Aber da 78 Prozent der Sachsen den nicht kennen, sah sich die Redaktion befugt, ihn wegzulassen. Tillich wird schlicht als »Tillich« in die Annalen der Politik-Versager eingehen.

 

Kommentare 

 
#1 sören wand 2016-10-28 19:55
nach mehrmaligen Erfolg eurerseits...
müssen wir uns Sorgen um Stanislaw Rudi dcmachen?!
Zitat
 

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