Liebe Leserin, lieber Leser,

 

Autofahren ist, auch wenn man wie ich ausschließlich in der Oberklasse unterwegs ist, leider auch heute immer noch ziemlich langweilig – jedenfalls für den Fahrer. Den Schmarotzern auf der Rückbank steht ja schon länger ein Entertainmentsystem zur Verfügung, während aus unerfindlichen Gründen ausgerechnet der Einzige im Auto, der etwas leistet, leer ausgeht. Und weil ich solche Ungerechtigkeiten einfach nicht ertrage, bin ich vor ein paar Monaten kurzerhand zur Selbsthilfe geschritten und habe in meinem Wagen den Fernseher von der Rückseite des Sitzes ins Armaturenbrett verlegt. Das Fahrerlebnis war anschließend spürbar besser, jedenfalls bis zur nächsten Hauptuntersuchung, wo die Modifikation auf Insistieren des TÜV wieder rückgängig gemacht wurde.
Aber zum Glück scheint sich auf Herstellerseite etwas zu bewegen: Daimler hat angekündigt, seine Scheinwerfer in Kürze mit Multimediafähigkeiten auszustatten, sodass sie beispielsweise während der Fahrt Grafiken auf die Straße projizieren können. Hervorragende Idee! Ich möchte aber stark hoffen, dass sich das nicht auf langweilige Verkehrsschilder oder Abbiegehinweise beschränkt, sondern dass man als zahlender Kunde beliebige Inhalte verwenden kann. Ich denke da zum Beispiel an lustige Cartoons, Fotos von Politikern oder einfach nur Penisbilder. Dann würde mir das Pendeln wieder Spaß machen!

Ab und zu, wenn mir eine engstirnige Behörde (siehe oben) mal wieder den Führerschein entzogen hat, bin ich gezwungen, zusammen mit dem gemeinen Pöbel die S-Bahn zu benutzen. Das ist nicht schön, lässt sich aber ertragen, vorausgesetzt man hat die richtige Ausrüstung dabei: Eine große Flasche Desinfektionsmittel (nebst Tüchern) ist Pflicht, außerdem natürlich eine Schreckschusspistole mit ausreichend Munition. Dazu noch eine Schubkarre mit Sperrholz, aus dem ich mir bei Fahrtantritt mein eigenes Abteil zimmere – und der relativ komfortablen Reise zum Arbeitsplatz steht fast nichts mehr im Weg. Das Einzige, was dann noch stört, sind diese abgerissenen, übel riechenden Gestalten, die einen aggressiv anstieren und unverständliches Zeug brabbeln von wegen »Fahrausweis« und »erhöhtes Beförderungsentgelt«. Meine Antwort ist immer die gleiche: Ein kräftiger Druck auf die Dose mit dem Pfefferspray! Das hilft zwar meistens, aber eigentlich sollte man von den Verkehrsbetrieben erwarten können, dass sie solche Belästigungen verhindern. Solange das nicht der Fall ist, bin ich strikt gegen die Abschaffung des kostenlosen ÖPNV, die wohl, wenn ich das richtig verstanden haben, vor Kurzem im Gespräch war. Den Stand der Diskussion zu diesem Thema fassen wir auf Seite 36 zusammen.

Im Gegensatz zu den meisten meiner Kollegen stehe ich unkonventionellen Ideen grundsätzlich aufgeschlossen gegenüber, anstatt sie reflexhaft abzulehnen. Dies gilt auch für den Vorschlag des amerikanischen Präsidenten, Lehrer zu bewaffnen, um Amokläufe an Schulen zu verhindern. Denn einen gewissen Reiz hat die Vorstellung schon, auch im normalen Schulalltag abseits von Extremsituationen: So wird die schüchterne Referendarin Fräulein Müller der berüchtigten 8b sicherlich mit deutlich mehr Selbstbewusstsein gegenübertreten, wenn sie zu Beginn der Stunde demonstrativ ihren Revolver auf dem Lehrertisch platzieren kann. Auf der anderen Seite sind es im Sportunterricht normalerweise eher die Schüler, die bewaffnet werden müssten. Wir sehen, man muss die Angelegenheit differenziert betrachten. Daher sollte es meines Erachtens keine grundsätzliche Bewaffnung von Lehrern geben, sondern nur nach Einzelfallprüfung. Als Kriterien kämen zum Beispiel Körpergröße, Stimme oder der Beamtenstatus in Betracht. Die konkreten Details überlasse ich der Kultusministerkonferenz. Weitere Vorschläge in dieser Angelegenheit machen wir auf Seite 44.

Mit entwaffnenden Grüßen

xxx
Chefredakteur

 

 

 

 

 

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