Ihre Schuld

Was Politiker beichten: schonungslos – indiskret

Von Carlo Dippold und Gregor Füller

Liebe Schuldige!

»Wir werden einander in ein paar Monaten wahrscheinlich viel verzeihen müssen«, verkündete der Prophet Jens Spahn am Anfang der Corona-Pandemie. Keiner wollte ihm Glauben schenken. »Ach was«, sagten sich die Menschen, »für eine Pandemie sind doch sicher Pläne in der Schublade. Der deutsche Beamte hat da bestimmt was vorbereitet, Konzepte für die Krankenhäuser, Hygienekonzepte für Schulen. Es gibt sogar ein eigenes Amt für Katastrophenhilfe, da ist man gewappnet.« Die Bundeskanzlerin selbst war noch Anfang Februar voller Zuversicht, als sie verkündete: »Im Großen und Ganzen ist nichts schiefgelaufen.« Und wahrlich schien es so, als würde Angela Merkel es schaffen, ihre 16 Jahre währende Regentschaft zu überstehen, ohne auch nur einen einzigen Fehler begangen zu haben.

Keine zwei Monate später aber brach das Unheil über sie herein. Die Kanzlerin machte etwas falsch. Kaum einer hätte es bemerkt, eilten Merkel und ihre Minister doch von Erfolg zu Erfolg. Innerlich aber litt die Pastorentochter Höllenqualen für diesen einen Fehler, der ihre gesamte Kanzlerschaft in den Schatten zu stellen drohte. Es kam, was für einen guten Christenmenschen kommen musste: Merkel bekannte sich in aller Form zu ihrer Schuld und bat die Bürger um Vergebung.

Sie tat dies ohne Hintergedanken und Kalkül. Sie tat es, um ihrem Gewissen Erleichterung zu verschaffen. Und die Erleichterung folgte auf dem Fuß. Denn das schwere Kreuz, das alleine zu tragen sie sich vorgenommen hatte, wurde ihr abgenommen. Wie Simon von Cyrene drängten sich die Ministerpräsidenten nach vorn, um zu rufen: »Me too, me too, auch ich war dabei! Auch ich trage Verantwortung, nicht nur diese Frau.« Es war eine die Seele reinigende Schuldorgie.

Sicher: Die Freude in der Bevölkerung war groß, als sie erfuhr, dass sie am Gründonnerstag nicht würde einkaufen gehen müssen. Doch groß war freilich auch der Ärger, als daraus nichts wurde und das Virus also an diesem Tage nicht besiegt werden konnte. – Jesus bändigte die Wutbürger dereinst mit den Worten: »Wer von euch ohne Schuld ist, werfe den ersten Stein.« Und ebenso wollen wir es handhaben. Denn wer von uns hat nicht auch schon einmal einen Ruhetag angekündigt, um dann doch zur Arbeit zu gehen?

Georg Pfaffe
Flagellant und Chefredakteur von »Ihre Schuld«

Den gesamten Beitrag mit insgesamt 4 Seiten finden Sie im EULENSPIEGEL 05/2021.

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