Schöne neue Welt

»Plopp!« So macht die Katzenklappe, als Manfred Wierus’ Sohn Kowid an der Terrassentür vorbeiläuft und das Badezimmer ansteuert. Wie von Geisterhand öffnet sich die Klappe, und die Mieze, die bei ihrem Hauseintritt immer die Haustechnik verstellt, darf endlich rein. Nach wie vor ist es unmöglich, einen zeitnahen Termin im Gesundheitsamt zu bekommen, um die Chipverwechslung zu beheben. Wegen der aktuellen Situation habe man geschlossen, man bitte um Verständnis.

Als sich sämtliche Impfungen vor nun bereits zweiundzwanzig Jahren als unwirksam herausgestellt hatten, wurde sie behördlich angeordnet: die Mundschutzpflicht für jederzeit und überall. Das Antlitz seines Sohnes hat Manfred Wierus bislang nie vollständig gesehen. Nun tritt Manfred unvermittelt ins Badezimmer und bekommt zumindest eine etwaige Ahnung. Doch das schaumverschmierte Gesicht, aus dem der Stiel der Zahnbürste ragt, lässt weiterhin nicht ergründen, wer denn nun die tatsächliche Mutter von Kowid sein könnte.

Vor über neunzehn Jahren auf einem Klassentreffen war es geschehen: Manfred hatte ein bisschen getrunken. Im Sturm der Leidenschaft, trunken auch vor Nostalgie und bar jeglicher Disziplin für die behördlichen Anordnungen klappte er die Mundschutzmaske einfach nach oben, küsste – ja, wen? –, gab sich hin – ja, wem? Und so war Manfred Vater geworden.

Noch immer stiert er zu Kowid ins Badezimmer, während Siri laut schreit und rot aufleuchtet: Manfred hat die häusliche Abstandsregelung nicht eingehalten. Siri informiert die Alexa im Nebenzimmer; und die Alexa informiert den Jens in Berlin; und die Corona-App informiert Manfred über die behördliche Zahlungsaufforderung wegen Verstoßes gegen die Abstandsregelung.

Sein Blick aus dem Fenster fällt auf die Waschmaschine, die mit extremer Umdrehungszahl schleudert und sich vibrierend durch die Hauswand nach draußen gearbeitet hat, nachdem die Mieze an selbiger vorbeigeschmust war. »Kowid, warum hast Du das Vieh ins Haus gelassen?«, brüllt Manfred, sich die Maske wütend vom Gesicht reißend, um die Beruhigungstropfen in den Schlund hineinzugießen. Siri erfasst seine Gesichtszüge und meldet den Verstoß an Alexa; und Alexa sagt es dem Jens; und die Corona-App leuchtet mit der Aufforderung zu einer polizeilichen Anhörung auf. Und als zu allem Überfluss der Kowid noch dämlich unter seiner Schaumfresse grinst, da verliert Manfred endgültig die Beherrschung. »Gouhwidd! ’S gladschd glei!«, schreit er. Da registriert der unter seiner Haut implantierte Chip einen ungebührlichen und potentiell gesundheitsgefährdenden Erregungszustand. Als treuer App-Nutzer weiß Manfred nur allzu gut um die Konsequenzen. Schon ist die Sirene des Notarztwagens zu vernehmen.

Doch die Anekdote soll nicht trübsinnig enden. Angegurtet auf der Krankentrage hört er es »plopp« machen. Sein Sohn ist abermals an der Katzenklappe vorbeigelaufen. Das Vieh bleibt endlich draußen!

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