Der Stellvertreter Luthers auf Erden

Unsere Besten

Ende Oktober des Jahres 2020 nach der Geburt unseres Herrn forever, Jesus Christus: Deutschland in Schockstarre! Das Herz gefror den Menschen, als sie die Meldung auf ihrem Smartphone überrumpelte, Autofahrer begingen auf leerer Fahrbahn eine Vollbremsung, als sie die Nachricht im Radio überwältigte, Schulkindern klebte vor Schreck die Hose zu. In unzähligen Küchen kochte die Milch über, ein Fenster wurde zugeschlagen, und irgendwo bellte ein Hund. Was war geschehen?

Heinrich Bedford-Strohm, als Ratsvorsitzender der Evangelischen Kirche der Nachfolger Jesu in Deutschland, hatte angekündigt, seinen Stuhl 2021 freizumachen – obwohl er mit dann 61 vollbrachten Lebensjahren nach heutigen Maßstäben noch im jugendlichen Alter stünde! Gut möglich nach Adam Riese, dass sein eigenes Gefolge den Hirten mürbe gemacht hat. Von Anfang an setzte sich der höchste, beste und schönste Protestant Deutschlands weit über die ihm zugewiesene Klientel hinaus für die über Land und Meer hereinschnurrenden Afrikaner ein – doch statt Hosiannarufen scholl ihm von seiner Christenheit, die sie der Papierform nach sein sollte, ein großes Grollen entgegen; das nicht versickerte, als er sich von der AfD und den reinrassigen Pegida-Aufläufen um mehr als eine Armlänge distanzierte, im Gegenteil.

Zeichnung FRANK HOPPMANN


Ein Omen, das zum Menetekel ausufern könnte! Die Gotteshäuser, die Bedford-Strohms Verein gehören, drohen so schon immer schneller auszutrocknen. Allein im abgebeteten Jahr 2019 gingen 270 000 Mitglieder über Bord. Nicht mehr als ein Strohhalm war es da, dass der Staats- wie Gottesgläubige sich zur Feier des 3. Oktober 2020 zum Schirmherrn der Aktion »Deutschland singt« aufplusterte, auf dass alle Bürger ihre Stimmbänder freudig erhöben und Punkt 19 Uhr ein frohes Lied sängen, etwa »Die Gedanken sind frei« (Zu Risiken und Nebenwirkungen fragen Sie Ihren Arzt oder Apotheker) oder »Nun danket alle Bedford-Strohm«. Doch kaum ein Lüftchen regte sich.

Was hilft es, dass er das Bündnis mit anderen Gottesanbetern sucht und wie am Schnürchen ökumenische Gottesdienste zelebriert, dass er Arm in Arm mit seinem Amtsbruder vom katholischen Ufer, Kardinal Reinhard Marx, den gemeinsamen Glauben an den einen, unteilbaren und unverwechselbaren Christus beschwört, den beide im Lutherjahr 2017, nach exakt 500 Jahren, verkündeten? Nichts.

Auch der katholischen Fraktion laufen ja die Leute weg. Obwohl Bedford-Strohm stets, um beider Konfessionen Tempel mit Menschen zu füllen, ausdrücklich für die Beibehaltung des Sonntags als siebten Tag der Woche plädiert! Und in Worten, in Sätzen aus Worten und in Reden mit Sätzen aus lauter Worten dafür wirbt, dass die Kirche auch für die Schöpfung vor der Kirchtür, für die Frömmigkeit als Lebenskraft zum rechten Glauben, für eine schöne, nette und etwas gerechtere Gesellschaft in Worten, in Sätzen aus Worten und so immer weiter wirbt und überhaupt mit der Zeit geht – und das tut der Protestantismus dann, weil andere das alles besser können.

Während ein kalter Wind durch verödete Kirchen und verwaiste Gemeinderäume pfeift, platzen die Moscheen aus den Nähten und Bedford-Strohm vor Neid. In seiner Verzweiflung klopfte er deshalb schon beim grundguten Islam an, der die christlichen Konfessionen als gleichberechtigt duldet, solange sie stärker und dicker sind als er. Während Martin Luther die Muselmanen noch als Geißel Gottes und Mohammed als Apostel des Teufels listete, möchte der heutige Stellvertreter Luthers auf Erden in Form der Muslime neue Bundesbrüder an Land ziehen und mit ihnen in einen handzahmen Dialog treten.

Den haben dann andere als Heinrich Bedford-Strohm fortzuspinnen, denn der Bamberger Theologieprofessor und im Nebenberuf bayerische Landesbischof wird sich wieder vermehrt dem ganzen Globus schenken wollen. Schon immer sammelte er gleich Paulus, dem Begründer des Christentums, Bonusmeilen, machte den Gastprofessor von Gießen bis Stellenbosch in Südafrika, bringt in internationaler Sprache Gastvorträge von New York über Canberra bis Butare (Uganda) zu Gehör, berät als Theologischer Berater den Weltkirchenrat mit seinem theologischen Rat beim Treffen des Weltkirchenrates in Porto Alegre (Brasilien) und Johannesburg (Südafrika) usw. usf., jeweils a.a.O. Längere Zeit sesshaft war Heinrich Bedford-Strohm nur in den neun Monaten, in denen seine Mutter schwanger war. 1960 in Memmingen auf Erden erschienen, schlug der noch sehr junge EKD-Vorsitzende seinen Wohnsitz erst im schwäbischen Buxach, dann im oberfränkischen Coburg auf und wurde von seinem Vater Albert Strohm, der selber als Pfarrer professioneller Protestant war, mit dem lutherischen Glauben angesteckt.


Also studierte er die ererbte evangelische Theologie in Erlangen, Heidelberg und Berkeley in den USA, wo er auf den Geschmack der weiten Welt kam, auch sonst andere Sachen machte und 1985 die Psychotherapeutin Deborah Bedford heiratete. In Deutschland dagegen musste er sich ganz klein wieder einsortieren und erst mal als Vikar in Heddesheim irgendwo im Niemandsland des Rhein-Neckar-Kreises und später als Pastor im fast schon vergessenen Coburg üben, wie man die frohe Botschaft kündet, verbreitet und aufsagt: So lernte der ausgelernte Doktor und Professor der Theologie evangelisch-lutherischen Zuschnitts das Predigen aus dem Effeff, ohne dass die Gesten übergroß und die Selbstbegeisterung allzu gewaltig wurden; sondern nur groß und gewaltig.

Das genügte, um außer Gottes wohlgefälligem Lächeln irdischen Lohn einzudeckeln. Unzählige Orden und Preise konnte er (H. B.-S.) bis heute in die hohle Hand sammeln, vom Herbert-Haag-Preis (benannt nach Herbert Haag!) über den Bayerischen Verdienstorden mit Bürzel bis zum Augsburger Eierkuchen, nein: Freuden-, ach was: Augsburger Friedenspreis, den er zusammen mit seinem Spezi Reinhard Marx einige Zeit nach dem Dreißigjährigen Krieg einfuhr. Heute findet Freund Hein. Bed.-Stroh., dass Gewalt bloß dort Sinn hat, wo Gewalt nötig ist. Für abzuräumende Kollateralschäden ist der Sanitätsdienst der Bundeswehr da; dort hatte der Mann Gottes einst seinen Grundwehrdienst abgebüßt. Ohnehin hat der Tod keinen Stachel für einen waschechten Christen: Der warnt deshalb vor den hochfliegenden Experimenten im Silicon Valley, das Gott spielen und Altern samt Exitus abschaffen will, und bürstet das Bundesverfassungsgericht ab, das im Februar 2020 die professionelle Sterbehilfe erlaubte, womit eine wesentliche Geschäftsgrundlage des Protestantismus und aller Religonen ausradiert wäre. Nicht mit Heinrich Bedford-Strohm (noch 60)!

PETER KÖHLER

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