Der lebende Herrenwitz

CLOWNERIE der Monats

Die Zote, also der anzügliche, auf das Sexuelle anspielende Witz (1), hat eine lange abendländische Tradition. Sie verdankt ihr Dasein nicht zuletzt den Lehren des Christentums, das alles Geschlechtliche mit einem Tabu belegt, wodurch wiederum die Scham das Licht der Welt erblickte. Ohne Tabuisierung und Scham keine Zote, mehr noch: Ohne Scham bleibt die anvisierte Pointe dem Rezipienten möglicherweise – einem unaufgeklärten Kind gleich – sogar unverständlich. Nehmen wir als Beispiel eine Zote aus dem frühen 17. Jahrhundert, die der damals erst 30-jährige Fips Asmussen in seinem Erstlingswerk »Lachen, bis der Bader kümmet« festhielt (2):

Eine alte Jungfer, angetan lediglich mit einem knappen Mieder, sitzet, dabei ein Eis-am-Stiel in der zarten Hand haltend, breitbeinig im grünen Grase, als ein Bauersbursche des Weges lauft. Die Jungfer betrachtend hebt der Bursche zu sprechen an: »Ein gar köstlicher Anblick bietet sich mir. Erlaubt ihr, dass auch ich löcke?« Da entgegnet die Jungfer: »Freilich, komm er nur her! Doch wer hält so lange das Eis?«

Die Pointe liegt hier in der Doppeldeutigkeit des Wortes »löcken«, das sich sowohl auf das Lecken des Eises als auch – und hier wird der Witz zur Zote – auf die sexuelle Praktik des Cunnilingus anwenden lässt. Die Doppeldeutigkeit alleine hat sicherlich bereits in vorchristlichen Zeiten ihre Wirkung entfaltet, blieb jedoch bei einem bloßen Missverständnis, das leicht aus der Welt zu schaffen ist, stehen. Erst nachdem es dank des christlichen Konzepts der Sünde üblich wurde, seinen Trieben nicht mehr jederzeit und überall schamlos nachzugeben, erhielt der Witz seine zweite, tiefere Ebene: Ziel der Zote scheint nämlich nur vordergründig der Lacher zu sein. Vielmehr jedoch geht es dem sogenannten Zoten-Reißer um das Aufheizen der sexuellen Atmosphäre – das Publikum soll durch das Imaginieren der vorgestellten Szene rattig gemacht werden, oft verknüpft mit der vagen und zumeist unerfüllt bleibenden Hoffnung auf Sexualkontakte im Anschluss an die Darbietung.

Betrachten wir nun die Zote, die der FDP-Vorsitzende Christian Lindner Ende September auf einem Parteitag zum Besten gab (³):

Ich denke gerne daran, Linda, dass wir in den vergangenen 15 Monaten ungefähr 300-mal, ich hab’ mal so grob überschlagen, ungefähr 300-mal den Tag zusammen begonnen haben. [Pause] Ich spreche über unser tägliches, morgendliches Telefonat zur politischen Lage. Nicht, was ihr jetzt denkt.

Geschickt spielt der studierte Philosoph Lindner hier mit der Phantasie seines Publikums, das anhand der Wortwahl gezwungen ist, sich vorzustellen, wie angesprochene Linda und Erzähler Christian nebeneinander im Bett aufwachen, mehr noch: Sich vorzustellen, wie es zu diesem Beginn des Tages kommen konnte. Analog zu »löcken« im vorherigen Beispiel liegt die Mehrdeutigkeit hier in der Formulierung »zusammen den Tag beginnen«.

Doch Lindner wäre ein schlechter Comedian, würde er bei der Auflösung des Missverständnisses Halt machen. Er setzt seiner Darbietung die Krone auf, indem er vorgibt, die sexuelle Konnotation des Gesagten nicht intendiert (4) zu haben. Dadurch hält er seinem Publikum den Spiegel vor: »Nein, nein, ich sprach vom Telefonieren. Nicht ich bin das Ferkel, ihr seid es selbst! Ich habe nicht Lindas wogende Brüste liebkost, habe keine Prostatamassage genossen, habe mir keinen Cockring übergezogen, um die vor Verzückung bebende Generalsekretärin über Stunden hin in verschiedensten Stellungen ranzunehmen. Ekstase fand nicht statt, Körpersäfte wurden nicht ausgetauscht. Ihr wart es! Ihr habt euch vorgestellt, wie zwei schöne Liberale ficken! Dabei haben wir nur telefoniert. Haha, ihr perversen Schweine, ihr!« Dieser letzte Dreh war jedoch einer zu viel. Das derart ertappte Publikum von der eigentlich als Spaßpartei bekannten FDP besaß, abgesehen von vereinzeltem Kichern, leider nicht die Größe, über seine eigene Verderbtheit in Lachen auszubrechen. Die Scham, sie war zu groß.

DR. SEBASTIAN AUSTERDAL
Lachtherapeut


1) Oft auch »Herrenwitz« genannt.

2) Die Forschung geht davon aus, dass der Ursprung des Witzes bis in die Zeit der Sumerer zurückreicht, Asmussen jedoch der Erste war, der ihn verschriftlichte.

³) Bei der Adressatin, der im Witz direkt angesprochenen Linda, handelt es sich um Linda Teuteberg, die ehemalige Generalsekretärin der Partei, während Lindners Show-Act anwesend.

4) Eine gleichgelagerte Zote über die Bundestagsvizepräsidentin Roth findet sich aber bereits in einem Stand-up-Programm Lindners von 2017, eine Absicht scheint also gegeben.


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