Die Königin des Gammelfleischs

Unsere Besten
Zeichnung: Frank Hoppmann

Wenn sie lächelt, geht über dem Abendland die Sonne auf. Julia Klöckner ist die Carmen Nebel der CDU, Merkels Schmusemädchen, das Glöckchen, also das Klöckchen im Kirchturm und auf dem besten Weg, eine bedeutende Feministin ihrer Generation zu werden – und das aus dem Landwirtschaftsministerium heraus. »Ein Spagat«, wie die bürgerliche Presse so anzüglich wie metaphernstark schreibt.

Dass sie mal so weit kommen würde – in Guldental an der Nahe, einem Trinkernest ohne Autobahnzubringer, wusste man das immer. Dort wird sie geliebt als Stimmungskanone. Wie ein Stern erstrahlte sie auf jedem Dorfbums, versprühte Frohsinn und Heiterkeit. Aber ein leichtes Mädchen war sie nie. Und das ist sie auch im sündigen Berlin nicht geworden.

Eigentlich sollte sie in ihrer Winzerfamilie den Platz bei den Reben einnehmen, und der Bruder hätte zur Schule gemusst. Julia hatte starke Schenkel (beim Weinstampfen wichtig) und galt familiär als »unabkömmlich«.

Aber Schenkel sind nicht alles! Julia machte Abitur, denn sie wollte »was mit Menschen« werden – Päpstin oder Königin. Für das Menschliche hat sie auf den Dorffesten eine Technik entwickelt, die sie sich eigentlich patentieren lassen könnte: den Ringelreihengriff. Dabei wird das arglose Gegenüber überfallartig mit beiden Händen bei beiden Händen umklammert und zwar keineswegs mit nach innen, sondern nach außen gedrehten Handflächen. Diese Technik unerbittlicher Herzlichkeit macht das Gegenüber wehrund hilflos, Flucht ist ausgeschlossen. Will man jemals dieser Umklammerung entkommen, muss man zurückgrinsen und den Dreivierteltakt-Tanzschritt aufnehmen, den Julias Stampferchen vorgeben. Mit dem Ringelreihengriff hat die Klöckner sogar die Kanzlerin gekriegt – bei verklemmten Personen wirkt er besonders entwaffnend – und natürlich mit Taschetragen, Sitzanwärmen, Stullenteilen und verlogenen Komplimenten



Nur einmal, damals, als die Flüchtlinge nach Guldental einfluteten (zwei oder drei Stück), und Frau Klöckner unbedingt, als Sprosse auf der Karriereleiter zur Königin, zur Ministerpräsidentin gewählt werden wollte, da entwand sich die Kanzlerin säuerlich lächelnd ihrem Griff: Klöckners schwerste politische Niederlage.

Doch auch in schwierigen Zeit hielten sie ihre positive Art und die Flasche Riesling am Abend auf Betriebstemperatur. Jawoll, die Liebe zum Rebensaft hat sie nie wieder losgelassen. Vor einem Vierteljahrhundert absolvierte die Klöckner ihren ersten erfolgreichen Wahlkampf und eroberte sich unter 200 Bewerberinnen (von denen allerdings zwei stark schielten und eine orthopädische Schuhe trug) die Krone, um sie fortan mit Stolz in die Messehallen der europäischen Spirituosenwirtschaft zu tragen. Bis heute ist sie eine glühende Lobbyistin für alles, was blau macht. Natürlich bemüht sie sich dabei um Ausgewogenheit. So ist sie seit kurzem auch »Botschafterin des Bieres«. Das passt zusammen, denn »Bier auf Wein – das muss sein«, wie der Trinkermund spricht. Den Kopf wieder klar kriegt sie dann beim Rennradfahren und ihrem Engagement für die Stiftung »Aktion Niere«.

Neben der Liebe zum Weine, zum Biere und zur Niere ist es Gott, der ihrem Leben Halt und Richtung gibt. All diese Sachen unter einen Hut zu bringen – so einen Job muss man erst mal finden. Sie fand ihn; als Ordensritterin im Aachener Karneval. Ihr Vater wäre so stolz gewesen, sagte sie damals, den Tränen nahe. Ja, seine kleine Reblaus hat es geschafft, sie bringt die Kerle zum Lachen.

Damit hätte es ein schmaleres Talent bewen – den lassen. Nicht so Julia Klöckner. Sie hat eine Agenda: Die Welt nach Julia soll in wichtigen Parametern eine bessere sein als die Welt vor Julia. Soweit es die Fleischerzeugerindustrie, die industrielle Landwirtschaft, die Glyphosathersteller und letztlich Gott himself erlauben.

Und die erlauben nicht viel. Die Massentierhaltung ist so ein unangenehmes Thema, mit dem sich Julia Klöckner rumschlagen muss. Dabei läuft doch alles super. »Es geht uns doch gut in diesem Land«, ruft sie alleweil aus. Weil jeder zu essen hat. Und weil der Verbraucher selbst entscheiden kann, ob er lieber das Schnitzel von einem verreckten und verdreckten Schwein mit abgefressenen Ohren essen will oder das eines rosigen Bioschweinchens. Das ist Freiheit – und da will sie sich nicht reinhängen. Und wer was ge – gen Pflanzenschutzmittel hat, der sollte nicht mit Julia diskutieren. Es gibt klare EU-Verordnun – gen, die regeln, wie viel Gift auf dem Gemüse uns gut tut



Julia Klöckner ist eine Politikerin, die Wün – sche erfüllen möchte. Ein bisschen ist sie eben doch noch Königin geworden. Das Volk möge vorsprechen, und schon geschehen kleine Wunder. Im Bundeskanzleramt durften die Bauern vorige Weihnachten ihre Träume an den Christbaum hängen. Aber im Transzendenten bleibt Frau Klöckner nicht stecken. Sie geht auch dahin, wo es stinkt und die Kartoffeln eklig schmecken. So hatte sie die starke Idee, das Schulessen besser zu machen. Natürlich auch teurer (keinesfalls kostenlos – das wäre ja Kommunismus). Besser ist es nicht geworden, aber dafür auch – schöner Erfolg – nicht teurer. Und die Reste sollen nicht gleich weggeschmissen werden, sondern Tafelgästen munden, bevor sie grün anlaufen. Die Kampagne »Riechen. Probieren. Genießen.« ist Klöckners neues Baby und wird von der Kampagne »Gammelfleisch gegen Neurodermitis« abgelöst werden, wenn Frau Klöckner wieder Zeit hat.

Denn aktuell weint sie sich in Sorge um die Frauenrechte in den Schlaf. Sie werden nämlich, hört man Frau Klöckner zu, von maskulinen Muselmanen gering geschätzt, so z.B. das Recht, als deutsche Frau von einem Moslem den Handschlag zu empfangen.

Welche Mission der Klöckner auf die Schulter gelegt ist, will sie in Afrika schlaglichtartig erfahren haben. Dort wurde sie Zeuge, wie 13-jährige Mädchen zur Ehe und zur Mutterschaft gezwungen werden. Das darf kein Modell für Deutschland sein, beschloss sie noch vor Ort. »Man muss ihnen«, also den Schwarzen, »deutlich machen: Ihr könnt euer Dorf nicht hier wieder aufbauen.« Deshalb hat sie ein Buch geschrieben: »Nicht verhandelbar – Frauenrechte nur mit Integration«, in dem sie die biodeutsche Bevölkerung darüber aufklärt, dass ein Schleier kein echter Sonnenschutz ist.

Auf 176 Seiten verwurstet sie die »Aufreger« aus der Bild der letzten drei Jahre, warnt deutsche Mädels vor der Handgreiflichkeit »dieser Menschen« und gibt Tipps, wie muslimische Frauen aus der Sklaverei entkommen könnten – unter Berücksichtigung der segensreichen Tätigkeit des Landfrauenbundes.

Wie nun aber dem Fremden begegnen, das sich hierzulande verbreitet? Dafür findet die Winzers – tochter einen schönen Vergleich in ihrem Integrationsratgeber-Buch: »Sauvignon Blanc oder Merlot sind keine einheimischen Rebsorten, bekannt ist die eine vor allem in Neuseeland, die andere in Frankreich. […] Aber heute sind sie von vielen Weinkarten heimischer Winzer nicht mehr wegzudenken. […] Dennoch müssen neue Rebsorten, die Winzer hier anbauen und in Verkehr bringen wollen, in Deutschland offiziell zugelassen werden.« – Wen wir nicht wollen, der kommt nicht auf unsere Karte. Man kann auch sagen: Munden muss uns der Syrer, süffig soll er sein und leicht rauchig im Abgang. Sonst wird das mit dem nichts.

Wenn der Moslem das nicht versteht, dann kann vielleicht die deutsche Honigbiene als Beispiel helfen. Die ist durch fremdländische Killerbienen fast ausgerottet worden und Julia Klöckners neues Steckenpferd. Klöckner bleibt dran und wird auch dieses Problem ein bisschen lösen, solange es auf freiwilliger Basis geschieht. Das ist sie den kommenden Generationen schuldig.

Felice von Senkbeil


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