Manni der Multiple

Zeichnung: Frank Hoppmann

In Lederhosen – und sonst nix – sitzt Manfred Weber an seinem Laptop. Diese Kombination ist für ihn viel mehr als nur Folklore, sie ist Teil seiner bipolaren Identität – wie Darknet und Dirndl, WhatsApp und Watschn, Facebook und Fotzenhobel. »Manche eindimensionalen Menschen sehen darin Gegensätze«, sagt er, »für mich gehört das alles zusammen wie zwei Saiten einer Gitarre, alles hat ein Ende, nur die Wurst hat zwei. Verstehen Sie?« Weber greift zur Mundharmonika und pustet hinein. Nach ein paar Lauten geht ihm die Luft aus. »Das war Ode an die Freude«, sagt er ergriffen, das Lied, das von der Niederkatzenhovener Ranzengarde gespielt werden soll, wenn er zum Kommissionspräsidenten gekrönt wird.

Weber gilt als der große Favorit auf die Nachfolge von Jean-Claude Juncker, der nicht mehr antritt, um weniger Zeit zu haben für seinen Alkoholismus. Weber erinnert sich an ihre erste Begegnung in einem Brüsseler Fahrstuhl, wo Juncker dem jungen Parlamentarier direkt einen feuchten Fuzzi verpasste. »Wir werden ihn vermissen«, sagt Weber und öffnet im Gedenken eine Flasche »Maagbitter Buff«. Ein Vorbild? »In Sachen Flexibilität auf jeden Fall«, antwortet Weber. »Auf der einen Seite die europäische Solidarität beschwören, auf der anderen mitten auf dem Kontinent eine Steueroase einrichten – das wird ihm so schnell wahrscheinlich keiner nachmachen. Aber einen Versuch ist es wert.«

Schon früh hat sich Weber für das europäische Projekt interessiert. Jedes Jahr besuchte er in den Schulferien den Europa-Park und lernte dort auf Wasserrutschen, in Märchenwelten und Geisterbahnen die »Einfalt in der Vielheit«, was zu seinem Lebensmotto wurde. Als erwachsenes Kind verschlang er das Standardwerk »Verfassung und Verfassungsvertrag. Konstitutionelle Entwicklungsstufen in den USA und der EU« des großen bayerischen Europäers Karl-Theodor zu Guttenberg. Auch Webers Vater, der im niederbayerischen Hinterland Rüben züchtete und Rinder anbaute, war ein glühender Anhänger der Europäischen Gemeinschaft, deren Agrarsubventionen es ihm ermöglichten, den Weizen preiswerter auf dem Weltmarkt loszuwerden als der Kollege aus dem Sudan. »Über solche Erfolgsmodelle reden wir viel zu selten«, beklagt Weber.

Seit fünfzehn Jahren sitzt Weber im Europäischen Parlament und dort im Ausschuss für bürgerliche Freiheiten, Justiz und Innereien, Abteilung Saure Kutteln. Seit fünf Jahren leitet er die Fraktion der Europäischen Volkspartei (EVP), die ihn in Helsinki zu ihrem Spitzenkandidaten gewählt hat. Sein Wahlergebnis lag bei 79 Prozent – für einen, der aus seinem Bezirksverband 99 Prozent plus gewöhnt ist, eine herbe Klatsche, von der sich Weber aber schnell erholte. Dies sei halt der große Nachteil an der Demokratie, zitiert Weber den großen europäischen Staatsdenker Aristoteles Gauweiler, es bestünde immer das Risiko, dass sich die Wähler nicht an die Absprachen hielten.

Mit ihm an der Spitze, darauf gibt Weber sein Wort, werde sich Europa nicht abschotten. Die EU müsse sich öffnen, verlangt er, vor allem für Opfer von Ausgrenzung und Diskriminierung – wie Viktor Orbán. Der ungarische Spezl von der EVP bezeichnete seine Verbindung zur CSU einmal als »einzigartige Waffenbruderschaft«. Geschmeichelt lädt Weber sein Sportgewehr durch, mit dem er beim Biathlon auf Tierattrappen und Rechtsüberholer zielt. »Man vergisst leicht, dass der Osten viele große Europäer hervorbrachte«, mahnt Weber und nennt als Beispiele Ceaușescu, Rasputin und Graf Dracula. Über die FPÖ sagte er neulich in einem Interview mit einer österreichischen Zeitung, die Partei habe »zwei Gesichter« – auf der einen Seite das islamophobe, auf der anderen das flüchtlingsfeindliche Gesicht. Hier müsse man sauber unterscheiden, appelliert Weber, und dürfe nicht den Fehler begehen, alle österreichischen Nationalsozialisten über einen Kamm zu scheren.

Nur bei einer Partei kennt Weber kein Pardon. Sollte die AfD jemals in Deutschland an die Macht kommen, so warnt er, drohe der deut – schen Nation das Schlimmste, was man sich vorstellen könne: nicht etwa das Ende von Meinungsfreiheit und der Anfang von Totalitaris – mus und Holocaust, sondern noch schlimmer: »britische Verhältnisse«. Konkret hieße das: mieses Essen, schlechtes Bier, Anglikanismus und als Oberhaupt eine Frau. »Das haben wir zwar auch«, sagt Weber über den letzten Punkt, »aber immerhin trägt unsere Kanzlerin keine Krone, sondern Knöpfe.«

Weber steigt in seinen blauen BWM, auf der Haube leuchtet der goldene Sternenkranz der EU. Einen Stern hat er mit einem Kackhaufen-Emoji überklebt. Man solle ihn aber bitte nicht missverstehen, sagt er, »nicht alles ist schlecht an Kotzbritannien.« Er dreht die Anlage auf volle Lautstärke, es läuft »One Vision« von Queen, sein Wahlkampfhit, mit dem er vor jedem Auftritt den Saal zum Kochen bringt. »Sehen Sie, auchdas geht zusammen«, sagt Weber, »ich bin zwar gegen Homosexualität, aber ein entschiedener Befürworter von Freddie Mercury.« Singend brettert er die Landstraße entlang. »Apropos Aids«, fährt er fort, früher hätten noch 50 Prozent in der CSU geglaubt, man könne sich über Musik infizieren. Heute habe sich das Verhältnis umgekehrt. »Daran kann man erkennen, wie sehr sich unsere Partei in den letzten 2000 Jahren modernisiert hat.«

Nach drei Wiederholungen von »One Vision« hat er sein Ziel erreicht, den Gasthof »Zum Straußen«. Über der Garderobe hängt der ausgestopfte Kopf eines Keilers, der nicht zufällig an den Landesübervater erinnert. Weber bekreuzigt sich. »Der Strauß hatte auch zwei Gesichter«, sagt er, »und mindestens zehn Mägen.«

Im Nebensaal wartet die Basis auf ihren europäischen Superstar. Weber stimmt ein Medley an aus »Freude, schöner Götterfunken«, »Gott mit dir, du Land der Bayern«, der ersten Strophe des Deutschlandlieds und »One Vision«. Dann sagt er sein Lieblingszitat von Franz Josef Strauß auf: »Bayern ist meine Heimat, Deutschland meine Nation und Europa meine Zukunft« – und ergänzt: »Die EVP ist meine Familie, die CSU meine Mutter und der Orbán mein Bruader.« Aus der Basis vernimmt man ein leichtes Rumoren. So viele verschiedene Identitäten muss sie erst mal verdauen. Unterdessen stellt Weber seinen Masterplan vor. Er wolle mehr Europa wagen, mit einem neuen Interrailticket und dem Austauschprogramm »Erasmus Plus« – »be – nannt nach unserem Erasmus von Rott am Inn«. Ahnungsloses Grummeln im Publikum.

Unter ihm würden die Beitrittsverhandlungen mit der Türkei umgehend gestoppt werden, und er werde gegen Mesut Özil ein Spielverbot in der Allianz-Arena verhängen. Jetzt donnert ihm Applaus entgegen. Sein spektakulärstes Verspre – chen kommt aber erst noch: In den nächsten fünf bis zehn Jahren wolle er den Krebs besiegen. Er schaut in ungläubige Gesichter. Einer fragt, wie er das anstellen wolle. »Indem wir alle Krankendaten in Europa metastasenartig miteinander vernetzen«, erklärt Weber. Ein weiterer gibt zu bedenken, die EU beherrsche ja noch nicht einmal den Fußpilz.

Das hat ihn inspiriert. Auf dem Rückweg hat Weber eine neue Vision im Gepäck: den Endsieg über den Fußpilz. Mit einer Hand hält er das Steuer, mit der anderen bedient er seinen Laptop. Auf die Frage, ob er keine Angst habe, gegen einen Baum zu rasen, antwortet er selbstbewusst: »Einmal in Fahrt, kann mich nichts mehr aufhalten.«

Florian Kech

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