Fußgängerin*ampel

Goldene Worte von Gerhard Henschel

In seinem »Sprachlog« stellte der Anglist Anatol Stefanowitsch im November 2018 einen neuen Laut vor: »Interessant wird es beim Gendergap (Kritiker_in) und dem Gendersternchen (Kritiker*in). Diese sind ja explizit nicht als Abkürzungen der Doppelform gedacht, sondern sollen die darin enthaltene Zweigeschlechtlichkeit durchbrechen – die Lücke und das Sternchen sind hier Platzhalter für weitere mögliche Geschlechter.
Dieser Platzhalter muss sinnvollerweise auch in der gesprochenen Sprache signalisiert werden – und dafür hat sich schon seit längerem eine linguistisch interessante Lö sung etabliert. Das Sternchen und die Lücke werden in der Aussprache durch einen stimmlosen glottalen Verschlusslaut wiedergegeben – ein Laut, den wir produzieren, indem wir die Stimmlippen (›Stimmbänder‹) kurz vollständig schließen.«

Man solle also »Kritiker in« sagen, wenn man »Kritiker_in« oder »Kritiker*in« meine. »Ob es allerdings jemals zum Ruf ›Ist eine Ärzt in im Zug?‹ oder dem Satz ›Liebe Mitbürger innen‹ kommen wird, ohne dass jemand fragt, ob die Mitbürger außen nicht mitgemeint sind, dürfen wir der weniger moralischen als sprachlichen Empfindlichkeit überlassen«, merkte die FAZ dazu an. Verwunderlich ist überdies der Umstand, dass Stefanowitsch, dessen besonderes Interesse nach eigener Aussage »diskriminierender Sprache« gilt, die Lücke und das Sternchen als »Platzhalter« bezeichnet hat und nicht als »Platzhal ter_innen« bzw. »Platzhalter*innen«. In ihrer Studie »Realexperiment Parklets in Stuttgart« waren die Forscher*innen Kristin Lazarova, Basil S. Helfenstein, Raphael Dietz und Sophia Alcántara da vor kurzem schon etwas weiter, indem sie von »Autohalter*innen« sprachen und nebenbei auch von der »Parklet-Paten*innenschaft« und sogar von »Kunden*innen«, »Mitglieder*innen«, einer »Fußgänger*innenzone« sowie allen Ernstes von einer »Fußgänger*inampel« – vermutlich zur vollen Zufriedenheit des Projektkonsortiums des »Future City Lab – Reallabor für Nachhaltige Mobilitätskultur « der Universität Stuttgart, in dessen Namen das Werk entstanden ist. Googelt man allerdings »Genderquatsch«, so stößt man unverzüglich auf die Tiraden rechtsradikaler »Anti-PC-Giftknilche« (Max Goldt), und mit denen ist naturgemäß noch weniger gut Kirschen essen als mit den Nervensägen von der Liga für Gendergerechtigkeit.

Was also tun? »Einfach gar net ignorieren«, wie es der österreichische Kaiser Franz Joseph I. empfohlen haben soll? Vielleicht ist der gescheiteste Kommentar zu dieser Debatte ja tatsächlich ein stimmloser glottaler Verschlusslaut.

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